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Ein Jahr Lockdown: Wie sich die Berichterstattung änderte

Die Pandemie hat auch die Berichterstattung in der Wirtschaft gehörig durcheinandergewirbelt. Zeit für eine kleine Bilanz. Denn nach über einem Jahr Corona-Lockdown zeichnet sich langsam eine gewisse Normalisierung ab.

Als der Lockdown Mitte März 2020 losging, änderte sich auch die Berichterstattung gehörig, besonders, wenn man einen auf Norddeutschland ausgerichteten Wirtschaftsraum betrachtet. Noch im Februar 2020 war es auch im Wirtschaftsressort eine Mischung von Nachrichten aus Wirtschaft und Politik, von Unternehmens- und Personaliengeschichten und einem guten Schuss Verbraucherjournalismus für die Leser, plötzlich standen ganz neue Herausforderungen an.

Beinahe wöchentlich galten neue Regeln. Manche leuchteten sofort ein, manche erschienen fast schon skurril. Plötzlich gab es Geschäfte, die noch öffnen durften und solche, die schließen mussten. Geradezu willkürlich mutet heute die Quadratmeter-Regelung an, die oberhalb einer Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern in Schleswig-Holstein einen Schnitt setzte. Also waren vor allem Erklärungen angesagt. Woher kommen diese Beschränkungen? Wie sehen sie aus? Was bedeuten sie, für die Verbraucher ebenso wie für die Kaufleute? Das wichtigste Hilfsmittel größerer Einkaufsmärkte wurde das Flatterband, mit dem die “zu großen” Bereiche einfach abgesperrt wurden.

Doch auch die konkreten Auswirkungen der umfangreichen Beschränkungen rückten mehr ins Bild. Man denke nur an das Schicksal unzähliger Solo-Selbstständiger, denen plötzlich die Auftraggeber wegbrachen, und die Hartz IV beantragen mussten. Da steckte so manche dramatische, persönliche Geschichte dahinter.

Die Agentur für Arbeit lieferte ständig neue Daten zum Arbeitsmarkt in der Corona-Krise. Foto: succo / Pixabay

Nebenher lieferte natürlich die unglaubliche Ab- und dann rapide Aufwärtsbewegung auf den Aktienmärkten immer wieder Raum für spannende, auch Verbraucher und Anleger orientierte Geschichten. Auch der Arbeitsmarkt, der erhebliche Dellen in der Corona-Krise abbekam und sich doch, auch mithilfe von Kurzarbeit, dann auf einem einigermaßen gleichbleibendem Niveau hielt, lieferte ständig neue Schwerpunkte der Berichterstattung.

Die Hilfsprogramme gerieten in den Fokus

Vor allem am Anfang griffen die Hilfeprogramme relativ zügig. In einer Zeit, wo die Anträge noch oft im eigenen Bundesland bearbeitet wurden, konnte auch die Antragsflut zügig abgeschichtet werden, wie immer wieder aus der Wirtschaft zu hören war. Als sich im Laufe des Jahres die Bundes-Hilfsprogramme etablierten, die mit ganz anderen Volumina ausgestattet wurden, wuchsen aber gleichzeitig auch die Probleme.

Die Bearbeitung der Anträge wurde zäher, die Unternehmen oft allein gelassen. Damit wandelte sich auch der Fokus der Berichterstattung: Nach dem Erklären der Maßnahmen und den Auswirkungen auf die Verbraucher und dann der Darstellung vieler Schicksale Betroffener geriet langsam die Kritik in den Vordergrund.

Milliarden standen für die Überbrückungshilfen bereit, doch die Auszahlung lief schleppend an. Foto: pixabay

Gerade mit dem zweiten Lockdown Anfang November wurde das deutlich. Wer erinnert sich nicht an die vollmundig von der Bundesregierung angekündigten “Novemberhilfen”, die dann erst nicht im November, dann auch nicht im Dezember zur Auszahlung kamen? Erst nach der Jahreswende liefen die richtig an. Die Programmierung der Antragssysteme stellte offenbar das Ministerium in Berlin vor nicht gekannte Herausforderungen.

Der Lockdown wurde zum Alltag

Das mündete dann in neuen Überbrückungshilfen, die glatter liefen als die Programme vorher. Der Lockdown wurde auch in der Wirtschaftsberichterstattung zur neuen Realität. Seine stabilen, drastischen Beschränkungen änderten sich nach der Jahreswende nur wenig, die Wirtschaft blieb, wenn sie nicht arbeiten konnte, eingefroren.

Zwischendurch gab es aber immer wieder geradezu schockierende Entwicklungen, etwa den Tarifstreit in der Metallindustrie, den die Gewerkschaft startete und dem die Arbeitgeber erst fassungslos, dann aber durchaus reaktionsschnell gegenüberstanden.

Thematisch auf breiter Front kam erst wieder Bewegung auf, als in Schleswig-Holstein zum Beispiel stufenweise wieder geöffnet wurde. Erst “verschlang” die Erläuterung der neuen Regeln viel Raum, dann die Umsetzung und schließlich die Kritik daran. Aber es war wieder Leben in den Teilen der Wirtschaft, etwa dem Handel oder den Dienstleistungen, die vorher eingefroren waren.

Ein Stück Normalisierung zeichnet sich ab

Nebenher kamen auch wieder klassische Wirtschaftsthemen auf, die vorher in Hintergrund gerückt waren. Wie entwickeln sich die Rohstoffpreise? Was ist mit den Immobilienpreisen, die in vielen Regionen ungeachtet Corona immer wieder anstiegen? Und gerade erst haben wir uns dem Thema Strafzinsen wieder gewidmet, die mittlerweile von vielen Banken und Sparkassen erhoben werden – was viele Monate nur eine untergeordnete Rolle spielte.

Das dürften die ersten Anzeichen der Normalisierung sein. Statt schockierender Corona-Nachrichten, neuer Beschränkungen und deren Auswirkungen und dann der langsam laufenden Impfkampagne kommen jetzt die normaleren Themen zurück, in ihrer ganzen Bandbreite vom verbraucherorientierten Journalismus bis zu den übergreifenden Auswirkungen des Klimawandels. Zwar wird die “Normalisierung” noch einige Monate dauern, aber sie ist erkennbar.

Und was bleibt nun?

Mein Fazit nach einem Jahr Corona: Die Krise hat gezeigt, wie wichtig nicht nur das Erklären von neuen Entwicklungen und wirtschaftspolitischen Maßnahmen ist oder die Darstellung der Betroffenheit ist, sondern auch, dass die Einordnung und die Kritik mehr denn je eine wichtige Aufgabe der Wirtschaftsberichterstattung ist, auch regional.