Kategorie: Kommentare

Mit Lockerungen und 1000 Teilnehmern durch die Krise

Ein Kommentar zu den ersten Lockerungen der Corona-Krise

Schon erstaunlich ist es, wer jetzt alles wieder öffnet: Die Autohändler freuen sich, die Einkaufszentren öffnen ihre Tore, kleine und auch große Geschäfte wollen ab Montagfrüh aufsperren. Wenn die Verkaufsläche zu groß ist, über 800 Quadratmeter, greift hier oben in Schleswig-Holstein die Möglichkeit, Teile der Fläche abzusperren und so verkleinert zu öffnen. Das planen nicht nur Saturn & Co, sondern auch viele mittelgroße Läden. Interessant dürfte die “Wegeführung” der Lockerung werden, Fluchtwege etwa müssen freigehalten und gekennzeichnet sein, auch in abgesperrten Geschäften.

Ob die Verbraucher wirklich so hohen Nachholbedarf beim Konsum haben, dass sie jetzt die Einkaufsstraßen stürmen? Wenn der Andrang zu groß wird, wären viele der Distanz-Maßnahmen der vergangenen Wochen für die Katz. Schließlich sind Masken immer noch Mangelware, zumindest die, die halbwegs etwas taugen.

Schön zum Konzert mit bis zu 1000 Besuchern. Foto: pixabay

Kurios war schon der Nachrichtenfluss in der vergangenen Woche: Erst starrten alle voller Erwartung auf den Mittwoch, an dem die Kanzlerin mit den Länderchefs tagte und erste Lockerungen bekannt gab. Nach einem kurzen Durchatmen ging es dann wieder los: Warum dieses und jenes nicht, wieso müssen Großveranstaltungen bis August gesperrt werden, wieso dürfen nicht die Schulen sofort öffnen, wieso nicht gleich alle Geschäfte. Da waren kuriose, aber auch ganz vernünftige Forderungen dabei (wie hier von Wirtschaftsminister Bernd Buchholz, der die Öffnung von Geschäften lieber nach Personen pro Quadratmeter geregelt hätte).

Den Bock schoss dann aber die Landesregierung ab, die am Donnerstag ankündigte, Großveranstaltungen bis zu 1000 Teilnehmern zuzulassen, mit dem Zusatz “schrittweise”. Sofort werden Erinnerungen an Berliner Clubs wach, in denen sich Dutzende Menschen vor dem “Lockdown” angesteckt haben, weil sie viel zu dicht beieinander feierten. Das wollen die hier im Norden ernsthaft wiederhaben? Die Landesregierung betonte, man werde dies schrittweise bis zum August einführen. Doch für eine ordentliche “Corona-Party” brauche ich nicht einmal 1000 Teilnehmer, 20 reichen ja schon. Man sollte die Krise nicht falschherum definieren: Das Problem sind nicht die mangelnden Lockerungen, sondern der Corona-Virus an sich, der ja immer noch da ist.

Lieber Möbelhaus statt Corona-Party. Foto: pixabay

Nein danke, dann steckt Euch mal alle schön selber an. Bevor ich eine Veranstaltung auch mit mehr als einer Handvoll Besucher beiwohnen möchte, würde ich – um es einmal ganz praktisch zu sagen – noch eher die großen Möbelhäuser öffnen, so wie es Nordrhein-Westfalen jetzt gemacht hat, mit der weitgehensten Lockerung in Deutschland. Vielleicht wären Restaurantöffnungen mit wenigen Tischen noch eher möglich. Da lässt sich Abstand halten – so traurig das für Konzertveranstalter und Clubbesitzer ist. Corona braucht Fingerspitzengefühl.

Corona: Die Krise ist nicht vorbei

Ein Kommentar über die Rufe nach dem Ende des “Shutdowns” in der Corona-Krise

Kommentar

Über Ostern kann man noch einmal deutlich erleben, was die Corona-Krise bedeutet – nicht nur für das gesellschaftliche Zusammenleben, für die Kirchen und Gottesdienste, auch für den Tourismus, für Gastronomie und Hotellerie – gerade hier im Norden. Weitgehend leere Straßen, leere Restaurants und Cafes. Die Belastungen durch den “Shutdown” sind erheblich, Wirtschaftsforscher überbieten sich geradezu in ihren Negativszenarien, sagen eine tiefe Rezession voraus. Das bleibt nicht ohne Folgen: Die Forderungen nach Ausstiegsszenarien aus der Corona-Krise werden laut, von Teilen der Politik ebenso wie von Wirtschaftsverbänden.

Natürlich folgt oft die Einschränkung, die Lockerung solle erst kommen, wenn es die gesundheitlichen Bedingungen zuließen. Doch in keiner dieser Forderungen nach dem schrittweisen Verlassen des Shutdowns wird genauer gesagt, welche gesundheitlichen Bedingungen eigentlich genau erfüllt werden müssten. In den Ministerien werden Ausstiegsprogramme vorbereitet, die derzeit frühestens Ende des Monats einsetzen. Das kann eine psychologische Hilfe für die Wirtschaft sein.

Die Dramatik ist viel greifbarer

Aber wir sind mitten in der Krise, und wie hart es uns treffen kann, sieht man sehr deutlich beim Blick ins europäische Ausland: Ich habe jetzt einige Abende BBC gehört (übrigens nicht im Netz, sondern mit einem alten Empfänger auf Mittelwelle, auch das funktioniert noch), und die Nachrichten unterscheiden sich doch sehr.

Während bei uns erst der Blick auf die Politik und die entgangenen Freizeitaktivitäten kommt, gehen die Briten in die Corona-Krise mitten rein: Das Mikrophon ist sofort im Krankenhaus, man sieht Bilder aus Operationsälen, Menschen, die vor Krankenhäusern warten, während sie Angehörige verlieren, die sie nicht besuchen können. Die Dramatik ist viel greifbarer.

Blick ins Ausland genügt

Deshalb sollte man – vielleicht gerade über Ostern – einmal kurz innehalten. Wir stemmen uns bislang noch relativ erfolgreich gegen die Corona-Pandämie. Der “Shutdown” und wirtschaftliche Folgen sind schwer zu ertragen und führen zu milliardenhohen Umsatzverlusten die wiederum mit teuren Hilfsprogrammen ausgeglichen werden müssen.

Das ist schlimm für kleine wie große Unternehmen, die kämpfen. Sie werden noch etwas durchhalten müssen. Doch ist das Stöhnen über entgangene Freizeitaktivitäten, fehlende Osterausflüge, unklare Besuchsregeln oder die Einschränkungen der Reisefreiheit wirklich angemessen? Ein Blick ins europäische Ausland genügt.