Monat: November 2000

Eine Exklusivgeschichte aus der bremischen Wirtschaft

Im Jahr 2000 tat sich viel in der Hafenwirtschaft in Nordeuropa. Lesen Sie hier eine Nachrichtenstory über die geplante Übernahme eines Containerterminals.

Eurogate steht vor Übernahme in Belgien

Veröffentlicht am 20.11.2000 | Lesedauer: 3 Minuten

Von Florian Hanauer

Wettlauf um Beteiligungen in Antwerpen und Zeebrügge – Fusion mit Hamburg eine “Sparnummer”

Eurogate steht vor Übernahme in Belgien – WELT

E urogate steht vor der Übernahme des belgischen Umschlagunternehmens Hessenatie N.V., das Containerterminals in Antwerpen und Zeebrügge betreibt. Dies bestätigten Hafenkreise gegenüber der WELT. Die Verhandlungen über den Kauf

von 51 Prozent der Anteile seien so weit gediehen, dass es “schon bald unterschriftreife Verträge geben könnte”. Mit im Rennen liegt allerdings noch der finanzkräftige asiatische Konzern PSA, der den Hafen von Singapur und 25 kleinere Terminals auf der ganzen Welt betreibt. Die PSA will über Antwerpen im nordeuropäischen Umschlag einsteigen. Es soll aber der Wunsch des Mutterunternehmens der Hessenatie, der Companie Maritime Belgique (CMB) sein, an einen europäischen Partner zu verkaufen.

Die BLG selbst bestätigt, dass es “Sondierungsgespräche in Antwerpen” gäbe, will sich aber noch nicht zu Einzelheiten äußern. Auch Wirtschafts- und Hafensenator Josef Hattig räumt ein, dass Gespräche stattfinden, will sich aber ebenfalls nicht äußern, bevor es zu einem Abschluss kommt.

Wenn die Übernahme gelingt, würde Eurogate sein Terminalnetzwerk entscheidend ausdehnen und zu einer direkten Konkurrenz für Rotterdam werden. Das hätte auch Konsequenzen für die Kooperationsverhandlungen mit Hamburg. Ein Insider, der nicht genannt werden möchte, sagt: “Die Fusion mit der HHLA ist eine Sparnummer dagegen.” In Hamburg würde man “den Anspruch, deutscher Mainport zu sein”, bald aufgeben müssen. Eurogate, das Tochterunternehmen der BLG und der Hamburger Eurokai, wäre dann mit eigenen Terminals in ganz Europa vertreten; in Hamburg, Bremerhaven, Antwerpen, Zeebrügge, Lissabon, La Spezia und Gioa Tauro. Selbst in Rotterdam betreibt Hessenatie ein kleineres Terminal, das dem Umschlag von

Eurogate steht vor Übernahme in Belgien – WELT

Binnenschiffen dient. Vom Umschlagvolumen im ersten Halbjahr (siehe Grafik) wird Antwerpen aller Wahrscheinlichkeit nach in diesem Jahr Hamburg als zweitgrößten europäischen Hafen überholen. Außer dem Containerumschlag ist der Standort auch stark im Massengut und bei Automobilen.

Offen ist allerdings, wie Eurogate beim Kauf der Hessenatie-Anteile finanzieren kann. Deshalb vermutet man in Bremer Hafenkreisen, dass noch ein weiterer finanzkräftiger Partner in das Geschäft eingebunden ist: die dänische Großreederei Maersk. “In Antwerpen will man das Umschlaggeschäft wie in Bremerhaven organisieren”, heisst es. Eine Möglichkeit wäre, dass Eurogate einen Teil der Terminals selbst betreibt und die North Sea Terminal (NTB), das Joint-Venture mit Maersk / Sealand, einen weiteren. Außerdem soll die BLG über eine “disponible Masse” von einer halben Milliarde Mark verfügen. Gleichzeitig würden Hamburger Banken der Eurokai Mittel zuschießen.

Bei der Muttergesellschaft CMB hätte man sehr genau die Erfahrungen mit einem asiatischen Konzern im Hafen von Felixstouwe studiert. Man sei zu der Auffassung gelangt, dass man bei einem Verkauf an die PSA nicht nur an Einfluss verlieren würde, sondern auch die Renditen nach Asien abwandern. Deshalb wäre ein europäischer Partner wie Eurogate günstiger. Ein weiterer Vorteil: Die Belgier würden in den Verbund mit eingebunden werden, der den deutschen Tiefwasserhafen betreiben könnte. Antwerpen könnte zwar von Containerschiffen der aktuellen Generationen angelaufen werden; für die geplanten Schiffe mit sehr großem Tiefgang kommt der Hafen aber nicht in Frage. Kajen am tiefen Wasser gibt es in Rotterdam, in Wilhelmshaven, oder eventuell Cuxhaven ist es geplant – aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein dritter Tiefwasserhafen in Nordeuropa entstehen könnte.

Die Hessenatie N.V. ist im Umschlaggeschäft mit Containern, Ro / Ro – Ladung, Eisen, Stahl und Forstprodukten tätig. Die Containerterminals in Antwerpen haben eine Kajenlänge von 1180 und 1070 Metern, in Zeebrügge von 600 Metern (Bremerhaven hat derzeit etwa 3000 Meter Kaje). Die 3215 Mitarbeiter machten im Jahr 1998 einen Umsatz von 678 Millionen Mark. Die Muttergesellschaft CMB ist zum Teil in Familienbesitz, zum Teil werden die Aktien an der Brüsseler Börse gehandelt.